Wenn Ihnen eine Wirbelsäulenoperation vorgeschlagen wird, tauchen fast immer zwei ganz konkrete Ängste auf: Wird der Eingriff sicher sein und wie lange wird es dauern, bis Sie wieder in Ihren normalen Alltag und insbesondere in die Arbeit zurückkehren können. Diese Sorge ist nachvollziehbar, denn die Entscheidung wirkt sich auf Ihre finanzielle Situation, Ihre Rolle in der Familie und Ihre langfristige Gesundheit aus. In diesem Beitrag werden in leicht verständlicher Sprache ungefähre Erholungszeiten je nach Operationsart und Tätigkeit erläutert, welche Faktoren diese Zeiträume verkürzen oder verlängern können und welche Warnsignale darauf hinweisen, dass man bremsen und neu beurteilen sollte.
Die folgenden Informationen sind nur eine Orientierungshilfe und ersetzen keinesfalls die persönliche Beurteilung durch Ihr Behandlungsteam. Jede Situation erfordert eine sorgfältige Analyse der Beschwerden, der bildgebenden Untersuchungen, der Art der Operation und Ihrer beruflichen Situation.
- Die Rückkehr an den Arbeitsplatz hängt sowohl von der Art der Operation als auch von Ihrem Ausgangszustand, Begleiterkrankungen und den körperlichen Anforderungen Ihrer Arbeit ab.
- Viele Menschen können nach reinen Dekompressionsoperationen ohne Fusion eine Bürotätigkeit nach etwa 2 bis 6 Wochen wieder aufnehmen, während ausgedehnte Fusionsoperationen oft 8 bis 12 Wochen oder länger erfordern.
- Minimalinvasive und endoskopische Verfahren führen häufig zu kürzeren Krankenhausaufenthalten und früheren Rückkehrzeiten, beseitigen aber die notwendige Krankschreibung nicht vollständig.
- Strukturiert aufgebaute Rehabilitation, eine gute Schmerztherapie und vorübergehende Anpassungen der Arbeitsaufgaben senken das Risiko für lange Ausfälle und Rückfälle.
1. Warum die Rückkehr zur Arbeit nach einer Wirbelsäulenoperation so wichtig ist
Ziel einer Wirbelsäulenoperation ist nicht eine perfekte MRT Aufnahme, sondern eine bessere Lebensqualität. Ein wichtiger Teil dieser Lebensqualität ist die Fähigkeit zu arbeiten, egal ob im Büro, im Verkauf oder in einem körperlich anstrengenden Beruf.
Der Wiedereinstieg in den Beruf ist nicht nur ein wirtschaftlicher Faktor. Er steht auch in engem Zusammenhang mit der Stimmung, dem Gefühl, wieder gesund zu werden, und der sozialen Teilhabe. Studien zum beruflichen Wiedereinstieg nach Mikrodiskektomie, Lendenwirbelfusion und endoskopischer Chirurgie zeigen, dass ein großer Teil der Patienten zurück an den Arbeitsplatz findet, die Zeitspanne bis dahin aber stark variiert, abhängig von Eingriffsart, Tätigkeit und bestehenden chronischen Schmerzen vor der Operation.
Deshalb ist es wichtig, dieses Thema vor der Operation anzusprechen und nicht erst danach. Realistische Zeitspannen helfen, die Krankschreibung zu planen, vorübergehende Anpassungen mit dem Arbeitgeber zu vereinbaren und die Angst in der Zeit nach der Operation zu verringern.
2. Beschwerden und Indikationen: wann eine Wirbelsäulenoperation in Frage kommt
Die meisten Wirbelsäulenoperationen werden aus einem oder mehreren der folgenden Gründe empfohlen:
- Starke Nacken oder Kreuzschmerzen, die den Alltag erheblich einschränken und trotz gut durchgeführter konservativer Therapie nicht besser werden.
- Ausstrahlende Schmerzen in Beine oder Arme mit Gefühlen von Stromschlägen, Krämpfen oder anhaltendem Kribbeln.
- Kraftverlust, unsicherer Gang oder Schwierigkeiten bei feinmotorischen Tätigkeiten aufgrund einer Nerven oder Rückenmarkskompression.
- Ausgeprägte Wirbelsäulendeformitäten, die Schmerzen, ein Ungleichgewicht oder Probleme beim aufrechten Stehen verursachen.
- Instabilitäten, Brüche oder ein Versagen von Implantaten, die das Rückenmark, die Nervenwurzeln oder die mechanische Stabilität gefährden.
In vielen Fällen werden zunächst andere Möglichkeiten ausgeschöpft: Aufklärung und Übungen, Physiotherapie, Medikamente, ergonomische Anpassungen oder gezielte Injektionen. Eine Operation wird in der Regel dann ins Auge gefasst, wenn Schmerzen oder neurologische Ausfälle das Alltags und Berufsleben stark beeinträchtigen und die Bildgebung eine korrigierbare Ursache zeigt.
3. Diagnose: welche Untersuchungen Art der Operation und Zeitrahmen bestimmen
Erholungszeit und Zeitpunkt der Arbeitsaufnahme lassen sich nicht allein aus einer MRT Aufnahme ablesen. Die Entscheidung stützt sich auf eine Kombination von:
- Detaillierter Krankengeschichte: Dauer der Beschwerden, Art der Tätigkeit, frühere Operationen, Dauer der aktuellen Arbeitsunfähigkeit.
- Neurologischer Untersuchung: Kraft, Reflexe, Sensibilität und Gangbild.
- MRT der betroffenen Region: Hals, Brust oder Lendenwirbelsäule.
- In manchen Fällen Funktionsröntgenaufnahmen zur Beurteilung von Instabilität und Gesamtachse.
- CT, wenn Schrauben geplant, vorhandene Implantate überprüft oder eine Fusion beurteilt werden müssen.
Internationale Leitlinien zu Rückenschmerzen und Ischias heben hervor, dass unnötige Untersuchungen vermieden werden sollten, wenn sie die Therapieentscheidung nicht ändern. Entscheidend ist, dass die Bildbefunde zu Ihren geschilderten Beschwerden passen und dass die schonendste Methode gewählt wird, die das Problem löst, ohne zusätzliche Instabilität oder neue Fehlstellungen zu verursachen.
4. Nicht operative Alternativen und ihre Bedeutung für den Beruf
Bevor man über Erholungszeiten nach einer Operation spricht, sollte man sich bewusst machen, dass viele Menschen gar nicht operiert werden müssen. Strukturiere Bewegungsprogramme, kognitiv verhaltenstherapeutische Ansätze, Aufklärung über Schmerz und Stressbewältigung im Berufsalltag können Schmerzen verringern und die Funktionsfähigkeit verbessern, sodass eine Rückkehr in den Job ohne Operation möglich wird.
In anderen Fällen ermöglichen gezielte Infiltrationen oder diagnostische Blockaden eine vorübergehende Schmerzreduktion, die wiederum eine aktive Rehabilitation und einen schrittweisen Wiedereinstieg in die Arbeit erlaubt. Ziel ist nicht immer völlige Schmerzfreiheit, sondern eine Schmerzlage, mit der sich wichtige Alltags und Berufsaktivitäten wieder aufnehmen lassen.
Wenn eine Operation notwendig wird, bleibt dieser Vorlauf wertvoll. Patienten, die in guter körperlicher Verfassung, mit realistischen Erwartungen und einem klaren Rehabilitationsplan in den Operationssaal gehen, kehren im Durchschnitt früher und mit weniger Rückfällen an den Arbeitsplatz zurück als Menschen, die lange Zeit ohne aktive Behandlung nur geruht oder krankgeschrieben waren.
5. Ungefähre Erholungs und Rückkehrzeiten je nach Operationsart
Die folgenden Zahlen sind grobe Richtwerte. Ihr eigener Verlauf kann kürzer oder länger sein. Halten Sie sich immer an die Empfehlungen des Teams, das Sie operiert.
5.1 Endoskopische Chirurgie und lumbale Mikrodiskektomie
Bei Lendenbandscheibenvorfällen und manchen Fällen von Spinalkanalstenose galten lange Zeit offene Mikrodiskektomien und Dekompressionen als Standard. Die endoskopische Wirbelsäulenchirurgie behandelt ähnliche Probleme durch kleinste Schnitte mit geringerer Schädigung der Muskulatur.
Für Büroarbeiten oder wenig körperliche Tätigkeiten:
- Leichte Alltagsaktivitäten: in den ersten Tagen, mit kurzen Spaziergängen.
- Teilweise Bürotätigkeit oder Homeoffice: nach etwa 2 bis 4 Wochen, wenn die Schmerzen gut beherrschbar sind.
- Vollzeit Bürotätigkeit: nach etwa 4 bis 6 Wochen, mit regelmäßigen Pausen zum Aufstehen und Gehen.
Für körperliche Arbeiten oder Tätigkeiten mit größeren Lasten:
- In den ersten 6 bis 8 Wochen kein Heben schwerer Lasten und keine erzwungenen Drehbewegungen des Rumpfes.
- Stufenweise Rückkehr mit angepassten Aufgaben ab etwa 6 bis 12 Wochen, je nach Verlauf.
Aktuelle Studien zu Mikrodiskektomie und endoskopischer Chirurgie berichten bei sitzenden Tätigkeiten durchschnittliche Rückkehrzeiten von etwa 4 bis 6 Wochen, mit großen Unterschieden je nach Arbeitsplatz und Stärke der Schmerzen vor der Operation.
5.2 Lumbale Dekompression ohne Fusion bei Spinalkanalstenose
Bei lumbaler Spinalkanalstenose mit Gehstreckenverkürzung kann eine Dekompression ohne Fusion die Gehfähigkeit und Lebensqualität deutlich verbessern und gleichzeitig eine gewisse Beweglichkeit des Segments erhalten.
Häufig gilt:
- Sanfte Aktivität wie tägliches Gehen: innerhalb der ersten Wochen.
- Sitzende oder überwiegend sitzende Arbeit: nach etwa 4 bis 8 Wochen, abhängig von Alter und Begleiterkrankungen.
- Körperlich schwere Arbeit: nach 8 bis 12 Wochen oder später, mit langsamer Steigerung der Belastung unter physiotherapeutischer Anleitung.
Wenn im selben Eingriff zusätzlich ein oder mehrere Segmente versteift werden, verlängern sich diese Zeiträume in der Regel, wie im nächsten Abschnitt beschrieben.
5.3 Lumbale und thorakolumbale Fusionsoperationen
Lumbale und thorakolumbale Fusionen werden bei Spondylolisthesis, ausgeprägten Fehlstellungen oder relevanter Instabilität durchgeführt. Es handelt sich um größere Eingriffe, die die Wirbelsäule stabilisieren, dafür aber die Beweglichkeit der behandelten Segmente einschränken.
Nach einer Fusion lassen sich grob drei Phasen unterscheiden:
- Frühe klinische Erholung: Schmerzkontrolle, grundlegende Selbstständigkeit zu Hause, Gehen mit oder ohne Hilfsmittel.
- Funktionelle Erholung: Wiederaufbau von Kraft, Gleichgewicht und Toleranz gegenüber längerem Sitzen oder Stehen.
- Knochenheilung: ein langsamer Prozess, in dem sich Knochen, Transplantat und Implantate miteinander verbinden.
Bei kurzen Fusionen mit guter Knochenqualität gelten häufig folgende Richtwerte:
- Bürotätigkeit: nach etwa 8 bis 12 Wochen, wenn Schmerzen und Belastbarkeit es zulassen.
- Schwere körperliche Arbeit oder Arbeiten mit größeren Lasten: nach etwa 3 bis 6 Monaten, mit regelmäßigen Kontrollen.
Bei langen Fusionen, komplexen Revisionseingriffen oder bei Patienten mit Osteoporose können sich diese Zeiträume um mehrere Monate verlängern. Zusätzlich werden häufig vorübergehende Anpassungen der Aufgaben, reduzierte Lasten und das Vermeiden extremer Beuge und Drehbewegungen empfohlen.
5.4 Bandscheibenprothese an Lenden und Halswirbelsäule
Bandscheibenprothesen sollen Nerven von Druck entlasten und gleichzeitig möglichst viel Beweglichkeit im behandelten Segment erhalten. Sie kommen bei sorgfältig ausgewählten Patienten mit einem oder zwei betroffenen Segmenten und ohne ausgeprägte Facettengelenksarthrose zum Einsatz.
Nach einer Halsbandscheibenprothese:
- Aufnahme leichter Alltagsaktivitäten in den ersten Wochen.
- Rückkehr zu Bürotätigkeiten nach etwa 2 bis 4 Wochen, wenn Beweglichkeit und Schmerzen es zulassen.
- Rückkehr zu körperlichen Tätigkeiten nach etwa 6 bis 12 Wochen, abhängig von Zahl der operierten Segmente und Arbeitsbelastung.
Nach einer lumbalen Prothese sind die Zeiträume meist etwas länger als im Halsbereich, doch in neueren Studien kehrt ein beträchtlicher Teil der Patienten bei nicht schwer körperlicher Arbeit nach etwa 2 bis 3 Monaten wieder beruflich zurück.
5.5 Operation des Iliosakralgelenks
Eine Fusion des Iliosakralgelenks wird bei sorgfältig ausgewählten Patienten mit therapieresistenten ISG Schmerzen und Untersuchungen, die dieses Gelenk als Schmerzursache bestätigen, durchgeführt.
Als grobe Orientierung:
- Entlassung am selben oder am nächsten Tag in vielen Fällen.
- Gehen mit Hilfsmitteln von Anfang an, mit allmählicher Steigerung der Strecke.
- Bürotätigkeit: nach etwa 2 bis 6 Wochen, wenn die Schmerzen gut kontrolliert sind.
- Körperliche Arbeit: nach 8 bis 12 Wochen oder später, anfangs ohne Stoßbelastungen und schwere Lasten.
6. Faktoren, die die Erholungszeit beeinflussen
Menschen mit der gleichen Operation kehren nicht alle zum gleichen Zeitpunkt zurück in den Beruf. Einfluss haben unter anderem:
- Art der Tätigkeit: eine reine Bürotätigkeit ist etwas anderes als Lagerarbeit, Bau oder Gastronomie mit häufigem Heben und Tragen.
- Begleiterkrankungen: Übergewicht, Diabetes, Herz Kreislauf Erkrankungen, Osteoporose und andere Gesundheitsprobleme können die Erholung verzögern.
- Körperliche Ausgangsfitness: wer vor der Operation fitter ist, erholt sich meist schneller.
- Dauer der Schmerzen und der Krankschreibung vor der Operation: lang anhaltende chronische Schmerzen und lange Ausfallzeiten können Muskulatur und Nervensystem in einem empfindlichen Zustand halten.
- Psychische und soziale Faktoren: Bewegungsangst, Angststörungen, Depression oder wenig flexible Arbeitsbedingungen können die Rückkehr verzögern.
Studien zu Einflussfaktoren auf den beruflichen Wiedereinstieg nach Wirbelsäulenoperationen zeigen, dass die vorherige berufliche Situation, die körperliche Belastung der Arbeit und die psychische Gesundheit den mittel und langfristigen Erfolg ähnlich stark beeinflussen wie die gewählte Operationstechnik.
7. Rehabilitation und Bewegung: wichtige Hilfe für eine gelungene Rückkehr
Rehabilitation ist kein überflüssiger Luxus. Gut strukturierte, überwachte Übungsprogramme nach Diskektomie, Fusion oder Prothese verbessern Schmerzen, Funktion und Chancen auf eine erfolgreiche Rückkehr an den Arbeitsplatz. Typische Bausteine sind:
- Übungen zur motorischen Kontrolle und Rumpfstabilisation.
- Stufenweiser Kraftaufbau der Rückenstrecker, Gesäß und Bauchmuskulatur.
- Training von Gleichgewicht und Propriozeption.
- Angepasstes Ausdauertraining.
- Schulung zu Ergonomie, aktiven Pausen und richtigem Heben und Tragen.
Manche Programme kombinieren körperliches Training mit kurzen psychologischen Interventionen, um Bewegungsangst zu verringern und das Vertrauen in den eigenen Körper zu stärken. Dies kann besonders hilfreich sein bei Patienten mit langjährigen Schmerzen oder schlechten Operationserfahrungen in der Vergangenheit.
8. Wann während der Erholung ein Notfall vorliegt
In den ersten Wochen sind Schmerzen und Müdigkeit bis zu einem gewissen Grad normal. Es gibt jedoch Anzeichen, bei denen Sie sich unabhängig von Ihrer aktuellen Krankschreibung sofort ärztlich vorstellen sollten:
- Plötzlicher Beginn oder rasche Verschlechterung einer Schwäche in Armen oder Beinen.
- Probleme beim Halten oder Entleeren von Blase oder Darm, neu aufgetretene Harnverhaltung.
- Ausgeprägte Taubheit im Bereich der Leiste oder Genitalien.
- Stark zunehmende Schmerzen im Rücken oder an der Narbe in Verbindung mit Fieber, Schüttelfrost oder ausgeprägtem Krankheitsgefühl.
- Deutliche Rötung, Überwärmung oder nässende Wunde im Operationsgebiet.
Solche Symptome können auf Komplikationen wie ein Kauda Equina Syndrom, eine Infektion oder ein Hämatom mit Druck auf Nervenstrukturen hinweisen. In diesen Situationen sollten Sie nicht auf den nächsten regulären Termin warten, sondern eine Notaufnahme aufsuchen.
9. Mythen und Fakten zur Rückkehr in den Beruf nach Wirbelsäulenoperation
- Mythos: Wenn ich vor Ablauf von drei Monaten arbeiten gehe, geht die Operation schief.
- Fakt: Bei vielen weniger invasiven Eingriffen wird gerade eine schrittweise, frühere Rückkehr empfohlen, orientiert an Tätigkeit und Beschwerden. Gefährlich ist eher das Heben schwerer Lasten oder ruckartige Bewegungen, für die die Wirbelsäule noch nicht bereit ist.
- Mythos: Solange ich noch Schmerzen habe, sollte ich nicht arbeiten.
- Fakt: Es ist häufig, dass noch über Wochen oder Monate erträgliche Beschwerden bestehen. Ziel ist, dass Schmerzen mit Alltag und Beruf vereinbar sind, nicht dass völlige Schmerzfreiheit erreicht sein muss, bevor man irgendetwas wieder aufnimmt.
- Mythos: Die Krankschreibung muss für alle mit derselben Operation gleich lang sein.
- Fakt: Internationale Leitlinien betonen, dass die Dauer der Arbeitsunfähigkeit individuell an Tätigkeit, Reaktion auf die Rehabilitation und klinischen Verlauf angepasst werden sollte.
- Mythos: Je länger ich krankgeschrieben bin, desto besser heilt die Wirbelsäule.
- Fakt: Längere Schonung ohne geeignete Bewegung verschlechtert in der Regel die körperliche Leistungsfähigkeit und das seelische Befinden und verbessert die Knochenheilung oder das Langzeitergebnis nicht.
10. Praktische Kriterien für die Planung der Rückkehr an den Arbeitsplatz
Für die Entscheidung, wann Sie wieder arbeiten, ist es sinnvoll, mit Ihrem Behandlungsteam und gegebenenfalls mit dem Betriebsarzt mehrere Punkte durchzugehen:
- Welche Art von Operation durchgeführt wurde und wie viele Segmente betroffen sind.
- Wie gut Sie derzeit sitzen, stehen, gehen und mäßige Lasten heben können.
- Ob Ihr Arbeitsplatz vorübergehende Anpassungen der Aufgaben oder Arbeitszeit erlaubt.
- Ob in den ersten Wochen eine teilweise Arbeit im Homeoffice möglich ist.
- Wie sich Ihre Schmerzen in den letzten Wochen entwickelt haben und ob Warnzeichen bestehen.
In der Regel verläuft die Erholung besser, wenn es einen Plan gibt, der Folgendes umfasst:
- Konkrete Ziele für Wochen oder Monate.
- Einen klaren Zeitplan für Kontrolltermine.
- Eine gute Abstimmung zwischen Operateur, Physiotherapie und Betriebsmedizin.
- Vorübergehende Anpassungen von Tätigkeiten und Arbeitszeit, wo immer möglich.
11. Häufige Fragen
Ist es gefährlich, zu früh wieder zu arbeiten?
Ein zu früher Arbeitsbeginn kann problematisch sein, wenn er mit schwerem Heben, statischen Zwangshaltungen oder ruckartigen Bewegungen verbunden ist, für die Ihre Wirbelsäule noch nicht bereit ist. Andererseits sind leichte Aktivität und ein gut geplanter, schrittweiser Einstieg meist hilfreich. Wichtig ist, die Empfehlungen von Chirurg und Reha Team zu befolgen und die Arbeitsaufgaben an das aktuell Belastbare anzupassen.
Was ist, wenn ich am Ende der Krankschreibung noch Schmerzen habe?
Es ist relativ häufig, dass am Ende der Krankschreibung noch erträgliche Beschwerden bestehen. Entscheidend ist der Unterschied zwischen erwartbarem Heilungsschmerz und Schmerzen, die stärker werden, mit Kraftverlust einhergehen oder Ihre Aktivitäten vollständig blockieren. Bei den Nachkontrollen können Schmerztherapie und Reha angepasst und falls nötig Krankschreibung verlängert oder Arbeitsplatzanpassungen veranlasst werden.
Kann ich im Homeoffice arbeiten, bevor ich wieder vor Ort bin?
In vielen Fällen ja. Homeoffice ermöglicht es, Pausen besser zu steuern, häufiger die Position zu wechseln und lange Wege zur Arbeit in der frühen Erholungsphase zu vermeiden. Wichtig sind eine gute Ergonomie, regelmäßige Pausen zum Aufstehen und Gehen und das Vermeiden überlanger Arbeitstage vor dem Bildschirm.
Wann darf ich nach einer Wirbelsäulenoperation wieder Auto fahren?
Das hängt von der Art des Eingriffs und dem Schmerzverlauf ab. Häufig wird empfohlen, mindestens einige Wochen zu warten, bis Sie Kopf oder Rumpf sicher drehen, notfalls schnell bremsen können und keine sedierenden Medikamente mehr benötigen. Die endgültige Entscheidung sollte das Operationsteam treffen, das Ihre Situation und den Eingriff genau kennt.
Ist Reha immer erforderlich, bevor ich wieder arbeiten kann?
Nicht jeder benötigt dasselbe Rehaprogramm, aber nach den meisten Wirbelsäulenoperationen ist eine Form von angeleitetem Training sinnvoll. Selbst bei gutem Verlauf können einige Sitzungen, in denen Sie Übungen und ergonomische Strategien erlernen, die Qualität der Rückkehr in den Beruf und die Vorbeugung von Rückfällen deutlich verbessern.
Was ist, wenn ich den geplanten Zeitpunkt für den Wiedereinstieg nicht einhalten kann?
Wenn der ursprünglich geplante Zeitraum verstrichen ist und Sie wegen starker Schmerzen oder erheblicher Einschränkungen weiterhin nicht arbeiten können, ist eine erneute Abklärung wichtig. Medikamente können angepasst, Reha intensiviert, psychische oder arbeitsplatzbezogene Faktoren berücksichtigt und, falls nötig, die Operation mit neuer Bildgebung überprüft werden. Dies ist kein persönliches Versagen, sondern ein Hinweis darauf, dass etwas die funktionelle Erholung bremst und genauer betrachtet werden muss.
Glossar
- Dekompression: operatives Verfahren, bei dem Knochen, Bänder oder Bandscheibenanteile entfernt werden, um Nerven oder Rückenmark von Druck zu entlasten.
- Wirbelsäulenfusion: Operation, bei der zwei oder mehr Wirbelkörper mit Knochentransplantaten und Metallimplantaten verbunden werden, um die Bewegung in diesem Segment auszuschalten.
- Bandscheibenprothese: Implantat, das eine erkrankte Bandscheibe ersetzt und dabei möglichst viel Beweglichkeit des Segments erhalten soll.
- Endoskopische Wirbelsäulenchirurgie: Operationstechnik mit kleinen Hautschnitten, bei der mit einem Endoskop und feinen Instrumenten unter Kamerasicht gearbeitet wird, um etwa Hernien oder Stenosen mit weniger Gewebeschädigung zu behandeln.
- Lumbale Spinalkanalstenose: Einengung des Kanals, in dem die Nervenwurzeln im Lendenbereich verlaufen, was beim Gehen Schmerzen und Schweregefühl in den Beinen auslösen kann.
- Failed back surgery syndrome: Begriff für anhaltende Rücken oder Beinschmerzen nach einer oder mehreren Wirbelsäulenoperationen, bedingt durch mechanische, neurologische oder chronische Schmerzursachen.
- Rehabilitation: Kombination aus Übungen und therapeutischen Maßnahmen zur Wiederherstellung von Kraft, Beweglichkeit, Gleichgewicht und Funktionsfähigkeit nach Verletzung oder Operation.
- Arbeitsunfähigkeit/Krankschreibung: Zeitraum, in dem eine Person aus gesundheitlichen Gründen nicht arbeitet, um eine angemessene Genesung zu ermöglichen.
Literatur
- Complex Spine Institute. Intensivierte Erholung (ERAS) in der Wirbelsäulenchirurgie: 10 konkrete Schlüssel, um schneller in den Alltag zurückzukehren. https://complexspineinstitute.com/blog-neurocirugia/recuperacion-intensificada-eras-cirugia-columna/
- North American Spine Society. Clinical Guidelines for Low Back Pain. https://www.spine.org/Research-Clinical-Care/Quality-Improvement/Clinical-Guidelines
- NICE. Low back pain and sciatica in over 16s (NG59). https://www.nice.org.uk/guidance/ng59
- Nygaard OP et al. Return to work after lumbar microdiscectomy – systematic review. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/
- Høydahl HS et al. Return to Work Following Anterior Lumbar Interbody Fusion. J Clin Med. https://www.mdpi.com/search?q=Return+to+Work+Following+Anterior+Lumbar+Interbody+Fusion
- Schade V et al. Predictors of return to work after spinal surgery – systematic review. J Orthop Surg Res. https://josr-online.biomedcentral.com/
- Oestergaard LG et al. Therapeutic exercise following lumbar spine surgery – narrative review. NASS Open Access. https://www.nassopenaccess.org/
Dieser Text dient ausschließlich der Information und ersetzt nicht die individuelle Beurteilung durch qualifizierte medizinische Fachkräfte. Bei Fragen zu Ihrer eigenen Situation wenden Sie sich bitte an Ihre Hausärztin oder Ihren Hausarzt oder an eine Fachärztin oder einen Facharzt für Wirbelsäulenerkrankungen.