Eine Pseudarthrose bedeutet, dass eine Wirbelsäulenversteifung (Fusion) nicht wie erwartet knöchern durchgebaut ist. Manchmal verursacht sie keine Beschwerden, aber wenn doch, zeigt sie sich häufig als “mechanischer” Schmerz (schlimmer unter Belastung) oder als Gefühl von Instabilität. Die gute Nachricht: Mit einer sauberen Diagnostik gibt es Optionen – von der Unterstützung der Knochenheilung und Schmerzbehandlung bis hin zu einer Revisionsoperation in ausgewählten Fällen.
- Pseudarthrose ist eine ausbleibende knöcherne Durchbauung nach einer Fusionsoperation.
- Sie tut nicht immer weh, kann aber anhaltende Schmerzen oder Materialprobleme erklären.
- Die Diagnose beruht nicht auf einem einzigen Test: entscheidend ist die Kombination aus Beschwerden, Untersuchung und Bildgebung.
- Rauchen, höheres Alter und mehrsegmentige Fusionen erhöhen das Risiko.
- Es gibt nicht-operative Maßnahmen (Optimierung der Knochengesundheit, Rehabilitation, Stimulatoren in bestimmten Fällen) und operative Optionen (Revision).
- Bei neuer Schwäche, hohem Fieber oder Problemen mit Blasen- oder Darmkontrolle ist eine sofortige Abklärung in der Notaufnahme nötig.
Was eine Pseudarthrose ist und warum sie entsteht
Bei einer Fusion (Arthrodese) ist das Ziel, dass zwei oder mehr Wirbel knöchern zusammenwachsen, um die schmerzhafte Bewegung dieses Segments zu beseitigen. Von Pseudarthrose spricht man, wenn diese knöcherne Verbindung nicht ausreift oder unvollständig bleibt. Einfach gesagt: Der Körper “verschweißt” den operierten Bereich nicht vollständig.
Zwei wichtige Punkte:
- Nicht jede Pseudarthrose macht Symptome. Sie kann in der Bildgebung sichtbar sein, während es der Person gut geht.
- Nicht jeder Schmerz nach einer Fusion ist eine Pseudarthrose. Es gibt viele andere Ursachen (gereizter Nerv, Iliosakralgelenk, Facettengelenke, Narbengewebe, neuropathischer Schmerz usw.).
9 Hinweise, die auf eine Pseudarthrose hindeuten können
Diese Zeichen beweisen für sich genommen nichts, rechtfertigen aber eine gezielte klinische und bildgebende Abklärung:
1) “Mechanischer” Schmerz, der unter Belastung schlimmer wird
Mehr Schmerzen beim Stehen, Gehen, Treppensteigen, Tragen von Einkaufstaschen oder am Tagesende, mit relativer Besserung in Ruhe.
2) Erst Besserung, dann Verschlechterung Monate später
Manche Menschen fühlen sich in den ersten Wochen besser, bemerken aber zwischen Monat 3 und 12, dass die Schmerzen zurückkehren oder stagnieren.
3) Instabilitätsgefühl oder “fehlende Stabilität”
Nicht bei allen vorhanden, aber wenn es auftritt, wird es oft als Unsicherheit beim Drehen, Vorbeugen oder Positionswechsel beschrieben.
4) Lokal begrenzter Schmerz im operierten Segment
Ein eher punktueller Schmerz im OP-Bereich, anders als Nervenschmerz, der ins Bein oder in den Arm ausstrahlt.
5) Knacken oder Beschwerden bei bestimmten Bewegungen
Nicht immer relevant, aber wenn es mit zunehmenden Schmerzen einhergeht, sollte es beurteilt werden.
6) Schmerz, der nicht dem erwarteten Heilungsverlauf entspricht
Nach einer Fusion sind Beschwerden, Steifigkeit und Müdigkeit häufig. Warnzeichen sind, wenn die Schmerzen mit der Zeit gar nicht besser werden oder trotz sinnvoller Reha klar zunehmen.
7) Verschlechterung bei Husten, Niesen oder Pressen
Das kann durch erhöhten Druck und Zug in der Region ausgelöst werden. Nicht spezifisch, aber als Zusatzinfo hilfreich.
8) Indirekte Zeichen einer Materialproblematik
In einigen Fällen ist eine Pseudarthrose mit gelockerten oder gebrochenen Schrauben/Stäben verbunden. Das passiert nicht immer, geht dann aber oft mit zunehmendem mechanischem Schmerz einher.
9) Anhaltender Schmerz mit deutlicher Einschränkung im Alltag
Wenn Schmerzen grundlegende Aktivitäten (Gehen, Schlafen, Arbeiten) verhindern und keine andere klare Erklärung besteht, sollte eine fehlende knöcherne Durchbauung ausgeschlossen werden.
Wie die Diagnose zuverlässig gestellt wird
Die Diagnose Pseudarthrose ist ein Puzzle aus Beschwerden, Untersuchung und Bildgebung. Entscheidend ist, zwei Extreme zu vermeiden: “alles ist Pseudarthrose” und “das kann es nicht sein”.
Klinische Untersuchung
- Wo der Schmerz sitzt und was ihn auslöst.
- Ob überwiegend mechanischer Schmerz, Nervenschmerz oder beides vorliegt.
- Neurologischer Status: Kraft, Sensibilität, Reflexe und Gangbild.
Häufig genutzte Bildgebung
- Röntgen in verschiedenen Ebenen zur Beurteilung von Achse und Material.
- Dynamisches Röntgen (Beugung-Streckung) zur Einschätzung auffälliger Bewegung in bestimmten Fällen.
- CT zur Beurteilung der “Knochenbrücke” und der Fusionsqualität (oft die hilfreichste Untersuchung bei Unsicherheit).
- MRT bei Verdacht auf Nervenkompression, Infektion oder andere Begleitursachen.
Wichtig: Manchmal wirkt die Bildgebung “grenzwertig”, aber wenn die Person gut zurechtkommt und funktionell ist, kann eine Verlaufskontrolle sinnvoll sein. Umgekehrt kann ein CT Zeichen einer Nicht-Durchbauung zeigen, während die Hauptursache der Beschwerden woanders liegt (zum Beispiel Iliosakralgelenk oder neuropathischer Schmerz).
Risikofaktoren: was du beeinflussen kannst und was nicht
Pseudarthrose entsteht durch mehrere Faktoren. Diese werden in Studien und im klinischen Alltag häufig genannt:
Faktoren, die du NICHT ändern kannst
- Alter: das Risiko steigt mit den Jahren.
- Anzahl der fusionierten Segmente: je mehr Ebenen, desto anspruchsvoller die knöcherne Heilung.
- Art der Grunderkrankung: Deformitäten und komplexe Eingriffe haben oft ein höheres Risiko als eine kurze, einfache Fusion.
Faktoren, die du verbessern kannst
- Rauchen oder Nikotin: Rauchen ist mit schlechterer Knochenheilung verbunden. Ein Stopp vor und nach der OP verbessert die Prognose.
- Knochengesundheit: Osteoporose oder niedrige Knochendichte erhöhen mechanische Komplikationen und erschweren die Fusion.
- Ernährung: Proteinmangel, niedriger Vitamin-D-Spiegel oder schlechter Allgemeinzustand können die Heilung beeinträchtigen.
- Schlecht eingestellter Diabetes und andere Stoffwechselprobleme: sie können die Heilung stören.
- Extreme Inaktivität: dosierte Bewegung und gut angeleitete Rehabilitation helfen oft.
Nicht-operative Alternativen: was helfen kann
Nicht jeder Verdacht auf Pseudarthrose endet im OP-Saal. Entscheidend sind Symptome, Alltagsbelastung, Stabilität und Verlauf.
1) Erwartungen anpassen und Zeitfenster berücksichtigen
Knochenheilung braucht Zeit. Bei vielen Fusionen kann der Prozess Monate dauern. In ausgewählten Fällen ist eine Verlaufskontrolle mit Schmerzmanagement und Reha sinnvoll.
2) Aktive Rehabilitation und “intelligente Belastung”
Das Ziel ist weder “endlose Schonung” noch “einfach durchbeißen”. Häufig hilfreich:
- Tägliche, schrittweise gesteigerte Spaziergänge.
- Angepasstes Training für Rumpf und Hüfte.
- Sich sicher bewegen lernen – ohne Angst, aber mit guter Technik.
3) Knochengesundheit optimieren
Bei niedriger Knochendichte wird häufig eine Abklärung und Behandlung empfohlen, um die Knochenqualität vor oder nach der OP zu verbessern, je nach klinischem Kontext. Das kann das Risiko gelockerter Schrauben senken und das Fusionsmilieu verbessern.
4) Schmerztherapie mit multimodalem Ansatz
Ziel ist, Funktion zurückzugewinnen, ohne ausschließlich von Medikamenten abhängig zu sein. Das kann nicht-opioide Schmerzmittel, Behandlung neuropathischer Schmerzen (falls passend) sowie Strategien zu Schlaf und Aktivität umfassen.
5) Knochenwachstums-Stimulatoren (in ausgewählten Fällen)
Es gibt Stimulationsgeräte, die bei Hochrisikopatienten oder bei Verdacht auf Nicht-Durchbauung unterstützen können. Sie sind nicht für alle geeignet und werden nach klinischen und bildgebenden Kriterien eingesetzt.
Operative Optionen: wann eine Revision in Betracht kommt
Eine Revisionsoperation kann erwogen werden, wenn:
- Starke, anhaltende Schmerzen mit funktioneller Einschränkung bestehen, die trotz sinnvoller Maßnahmen nicht besser werden.
- Eine Nicht-Durchbauung in der Bildgebung bestätigt ist und zur Klinik passt.
- Materialversagen, zunehmende Fehlstellung oder Instabilität vorliegt.
- Eine begleitende Nervenkompression die Symptome erklärt.
Was man mit einer Revision erreichen will
- Das biologische Umfeld der Fusion verbessern (Knochenersatz/Transplantat, Knochenpräparation).
- Mehr Stabilität schaffen (Material anpassen oder erweitern, wenn nötig).
- Begleitursachen korrigieren (Reststenose, Achsenstellung usw.).
Eine Revision bedeutet nicht immer eine “Riesenoperation”, ist aber meist anspruchsvoller als der Ersteingriff. Deshalb ist eine präzise Diagnose so wichtig.
Nutzen vs Risiken und mögliche Nebenwirkungen
Mögliche Vorteile
- Weniger mechanische Schmerzen, wenn die Nicht-Durchbauung die Hauptursache ist.
- Bessere Funktion (Gehen, Stehen, Arbeiten) in gut ausgewählten Fällen.
- Mehr Stabilität und geringeres Risiko weiterer Materialprobleme.
Mögliche Risiken und Nebenwirkungen
- Infektion, Blutung, Thrombose, Wundheilungsstörungen.
- Anhaltende Schmerzen (besonders wenn mehrere Schmerzquellen bestehen).
- Nervenschädigung, Liquorleck oder erneuter Eingriff.
- Langsamere Erholung als nach einer Primäroperation.
Die Entscheidung sollte auf einer ehrlichen Abwägung beruhen: was realistisch verbessert werden kann und was nicht versprochen werden darf.
Kriterien für Überweisung und sinnvolle Zweitmeinungen
Eine spezialisierte Abklärung ist sinnvoll, wenn:
- Mechanische Schmerzen ab 3-6 Monaten zunehmend stärker werden und deutlich einschränken.
- Materialprobleme oder eine fortschreitende Fehlstellung vermutet werden.
- Neue ausstrahlende Schmerzen oder neurologische Ausfälle auftreten.
- Untersuchungsbefunde nicht zu den Beschwerden passen und ein klarer Plan fehlt.
Eine gute Zweitmeinung wiederholt Untersuchungen nicht “aus Routine”, sondern beantwortet: was tut weh, warum tut es weh und welche Option ist jetzt am sinnvollsten.
Realistische Erholungszeiten
Die Zeiten hängen davon ab, ob konservativ oder operativ behandelt wird, und wie viele Segmente betroffen sind. Als grobe Orientierung:
- Konservative Verlaufskontrolle: funktionelle Verbesserungen können in Wochen auftreten, die knöcherne Heilung (wenn sie voranschreitet) wird über Monate beurteilt.
- Nach Revisionsfusion: der erste Monat ist oft eine Anpassungsphase mit schrittweiser Steigerung der Gehstrecken; zwischen 6 und 12 Wochen nimmt die Selbstständigkeit zu; die vollständige Erholung kann mehrere Monate dauern.
Wichtiger als ein fixes Datum ist ein Stufenplan: Schmerzen kontrollieren, mehr gehen, Kraft aufbauen, zurück zur Arbeit und später Freizeit und Sport wieder aufnehmen, wenn es sicher ist.
Wann in die Notaufnahme
Sofortige Abklärung ist nötig, wenn eines dieser Symptome auftritt:
- Neue oder zunehmende Schwäche in Bein oder Arm.
- Verlust der Blasen- oder Darmkontrolle oder Taubheit im Genital-/Damm-Bereich.
- Hohes Fieber mit Schüttelfrost und zunehmenden Schmerzen oder eine Wunde mit Sekret.
- Unerträgliche Schmerzen, die nicht nachlassen, zusammen mit neurologischen Symptomen.
- Atemnot oder schmerzhafte Schwellung eines Beins.
Mythen und Realität
- Mythos: “Wenn ich eine Pseudarthrose habe, muss ich sicher nochmal operiert werden.” Realität: nicht unbedingt. Es hängt von Beschwerden, Stabilität und Verlauf ab.
- Mythos: “Wenn es nach einer Fusion schmerzt, ist die OP schiefgelaufen.” Realität: Schmerzen können mehrere Ursachen haben, viele sind ohne weitere OP behandelbar.
- Mythos: “Ein Test bestätigt alles.” Realität: die Diagnose ist klinisch-radiologisch, nicht ein einzelner Wert.
- Mythos: “Wenn ich eine Woche vorher aufhöre zu rauchen, reicht das.” Realität: je länger nikotinfrei vor und nach der OP, desto besser für die Knochenheilung.
Häufige Fragen
Tut eine Pseudarthrose immer weh?
Nein. Sie kann ohne Beschwerden bestehen. Wenn Symptome auftreten, sind es häufig mechanische Schmerzen oder eine zunehmende Einschränkung der Funktion.
Welche Untersuchung ist am besten zur Bestätigung?
In vielen Fällen ist das CT besonders hilfreich, um die Fusion zu beurteilen, wird aber immer zusammen mit der Klinik und weiterer Bildgebung bewertet.
Ab wann gilt eine Fusion als “nicht durchgebaut”?
Es gibt keinen universellen Zeitpunkt. Häufig bewertet man den Verlauf zwischen 6 und 12 Monaten, abhängig von Beschwerden und Kontrollbefunden.
Macht Rauchstopp wirklich einen Unterschied?
Ja. Nikotin ist mit schlechterer knöcherner Heilung verbunden. Vorher aufzuhören und danach nikotinfrei zu bleiben verbessert die Prognose.
Kann es ohne OP besser werden?
Manchmal ja, vor allem bei milden Symptomen und stabiler Situation. Optimierung der Knochengesundheit, Reha und unterstützende Maßnahmen können in ausgewählten Fällen helfen.
Garantiert eine Revision, dass die Schmerzen verschwinden?
Eine Garantie ist nicht möglich. Es kann besser werden, wenn die Pseudarthrose die Hauptursache ist, aber bei weiteren Schmerzquellen kann die Verbesserung nur teilweise sein.
Was ist der Unterschied zwischen Nervenschmerz und mechanischem Schmerz?
Nervenschmerz strahlt oft entlang des Nervs aus (Bein oder Arm) und geht mit Kribbeln oder Brennen einher. Mechanischer Schmerz ist meist lokaler und wird unter Belastung oder Bewegung schlimmer.
Welche Zeichen sind ein Notfall?
Neue Schwäche, Störungen der Blasen-/Darmkontrolle, hohes Fieber mit zunehmenden Schmerzen oder Taubheit im Genital-/Damm-Bereich.
Glossar
- Arthrodese (Fusion): Operation, bei der Wirbel zur Stabilisierung verbunden werden.
- Pseudarthrose: fehlende knöcherne Durchbauung nach einer geplanten Fusion.
- Mechanischer Schmerz: Schmerz, der unter Belastung zunimmt und in Ruhe nachlässt.
- Radikulärer Schmerz: Schmerz, der entlang eines Nervs ausstrahlt (z. B. ins Bein).
- Dynamisches Röntgen: Aufnahmen in Beugung-Streckung zur Beurteilung von Bewegung.
- CT: Computertomographie, hilfreich zur Beurteilung der Knochenbrücke.
- Revision: Operation zur Korrektur eines Problems nach einem früheren Eingriff.
Referenzen
- Risikofaktoren für Pseudarthrose nach lumbaler Fusion: systematische Übersichtsarbeit und Metaanalyse (PMC) – 2024
- Wirksamkeit elektrischer Stimulation bei Wirbelsäulenfusionen (Scientific Reports) – 2020
- Röntgenbasierte Beurteilung einer erfolgreichen lumbalen Wirbelsäulenfusion (Scoping review, PMC) – 2025
- Pseudarthrose und Revisionsrisiko: systematische Übersichtsarbeit (PMC) – 2024
- Ergebnisse von Revisionsoperationen bei Pseudarthrose nach lumbaler Fusion (Global Spine Journal) – 2020
Hinweis zur Aufklärung
Dieser Artikel dient der Information und ersetzt keine individuelle medizinische Beratung. Bei beunruhigenden Symptomen oder neurologischen Veränderungen solltest du zeitnah medizinische Hilfe suchen oder dich an eine Notaufnahme wenden.